Česky Deutch

1500 Quadratmeter und 800 Jahre Leben

Das Museum der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder ist fertig, was die Projektdokumentation, die Sammlung und was die dreidimensionalen Modelle betrifft. Der günstige Augenblick für einen Museumsrundgang ist gekommen – für einen Spaziergang durch den Innenraum, der von Modellen geschaffen wurde.

Ústí nad Labem liegt in der Nähe der Autobahn von Prag nach Berlin. Die Industriestadt hat 100.000 Einwohner. Vor dem Zweiten Weltkrieg sprachen die Bewohner in ihrer deutlichen Mehrheit Deutsch. In Ústí nad Labem, deutsch Aussig, entsteht ein zentrales Museum, das den deutschsprachigen Bewohnern der böhmischen Länder gewidmet ist. Das Museum will zukünftig auch ein triftiger Grund dafür sein, einmal von der Autobahn zwischen Prag und Berlin abzufahren.
Vor dem Zweiten Weltkrieg bekannten sich 3.100.000 Bürger der Tschechoslowakei zur deutschen Nationalität. Die Mehrheit dieser Menschen lebte auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Im Jahr 2001 bekannten sich 39.000 Bürgerinnen und Bürger der Republik zur deutschen Nationalität. Die Zwangsaussiedlung der Deutschen endete 1947. In den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts zogen auf Grundlage eines Vertrags weitere Zehntausende derer, die hatten bleiben dürfen, in die Bundesrepublik. Das Museum widmet sich also einer fast abwesenden Minderheit, die aber noch vor relativ kurzer Vergangenheit so stark war, dass man von ihr als einem Teil der Bevölkerung der böhmischen Länder reden könnte – von einem Teil, der das kulturelle Erbe des Landes mitgestaltet hat.
In der Ausstellung wird dieser Teil der Bevölkerung nicht ethnisch definiert, aber als Gruppe, die Deutsch als erstes Kommunikationsinstrument nutzte. So umgehen wir zum Beispiel die Problematik, wer Deutscher und wer Österreicher ist. Zu den Menschen, mit denen sich die Ausstellung auch beschäftigt, gehören deutschsprachige Juden und ethnische Tschechen, für die Deutsch die Hauptkommunikationssprache war.
Hinsichtlich der Projektdokumentation und der dreidimensionalen Modelle ist das entstehende Museum fertig. Bei seinem Besuch in München Anfang 2013 sagte der Premierminister der Tschechischen Republik die Umsetzung des durch die gemeinnützige Organisation Collegium Bohemicum unter der Leitung der Direktorin Blanka Mouralová (www.collegiumbohemicum.cz) vorbereiteten Projekts zu. Die Entstehungsgeschichte des Museums und sein gedanklicher Ausgangspunkt finden sich zum Beispiel hier: Visualisierte Minderheiten, Petr Lozoviuk (Hg.), Thelem Verlag, Dresden 2012.
Die Existenz des Museums auf dem Papier und in Form von Modellen ist ein besonderer Moment in seiner Entstehung. Ein Museum entsteht, wenn ein Gegenstand besteht, zu dem eine Aussage erdacht und getroffen wird. Erst dann ist ein Geschichtskonstrukt auf der Welt, das durch visuelle Mittel umgesetzt wird, was nur ein Museum kann. Im Falle der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder haben wir es mit einer Gruppe ehemaliger Mitbürger zu tun, die im Kommunismus über Jahrzehnte aus der Erinnerung gestrichen war. Der erste Gedanke an ein Museum tauchte 1990 auf. Am eigentlichen Anfang – beim Übergang der tschechischen Gesellschaft in die Freiheit nach 1989 – stand der Wille tschechischer Intellektueller, auch den Teil der Geschichte des eigenen Landes zu reflektieren, der mit den deutschsprachigen Bürgern verbunden ist. Es dauerte sehr lange, bis der Gedanke auf die praktischen Voraussetzungen traf, auf den Willen, eine neue Institution zu gründen und ihr die benötigten Räume und den personellen Hintergrund zu geben. Das Museum der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder in Ústí nad Labem (Arbeitstitel „Unsere Deutschen“) entsteht anhand verschiedener Schritte. Am Anfang stand keine Stiftung, in die Mittel zur Gesamtumsetzung hätten eingebracht werden müssen. In Ústí nad Labem wurde aus Mitteln der EU das Gebäude des Museums renoviert. Die gemeinnützige Organisation Collegium Bohemicum erarbeitete in einer breiten und demokratisch kommunizierenden Arbeitsgruppe und mit Hilfe eines international besetzten wissenschaftlichen Beirats die Konzeption der Dauerausstellung. Den Architektenwettbewerb zur Gestaltung der Ausstellung gewann das renommierte Büro der Projektil Architekten aus Prag. Die Arbeit an der Konzeption und am architektonischen Entwurf wurde finanziert durch das europäische Förderprogramm Ziel 3 für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Die Museumssammlung wurde aufgebaut durch eine Sonderzuteilung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Die Ausstellung rechnet auch mit zahlreichen Ausleihen aus zentralen Institutionen. Die eigentliche Umsetzung der Dauerausstellung soll der tschechische Staat tragen. Es geht um ein Museum, das die Mehrheitsgesellschaft mit staatlicher Unterstützung schafft. Es ist ein positiver Reflex auf das lange Zusammenleben der zwei Sprachgruppen auf dem Gebiet des historischen Staates, das sich in einem bedeutenden Maß mit den Grenzen der heutigen Tschechischen Republik deckt. Diese Grenzen gehören zu den stabilsten in Europa, was sich über das Geschehen inmitten dieser Grenzen eindeutig nicht sagen lässt.
Das Collegium Bohemicum ist nicht nur durch seine Aufgabe einzigartig. Zum ersten Mal wird der Öffentlichkeit in Form eines Museums ein Blick auf die deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder vom 13. Jahrhundert bis ins Jahr 1947 sowie mit Vorgriffen bis in die Gegenwart geboten. Das Collegium Bohemicum ist im tschechischen Kontext auch ein institutionelles Experiment. Das hat seine Vorteile aber auch sehr mühsame Seiten. Hierzu gehört auch die Tatsache, dass der Aufbau der vorbereiteten Ausstellung bislang nur durch das mündliche Versprechen des Premiers gesichert ist. Während der Arbeit an der Ausstellung zeigte sich unter anderem auch, wie beschwerlich die Koordination der unterschiedlichen Elemente auf Stadt-, Kreis-, Staats- und internationaler Ebene ist. Diese Ebenen sind zur Umsetzung der Ausstellung notwendig. Der tschechische Staat trat der ursprünglich durch Stadt, örtlicher Universität und einem kleinem Wissenschaftsinstitut gegründeten gemeinnützigen Organisation als Mitbegründer bei. Die Kontinuität der Arbeit an einem zeitlich so aufwändigen Projekt wird zudem bedroht durch Interessensverschiebungen, die Wahlen mit sich bringen.
Durchschreiten wir also die Museumsmodelle und werfen einen Blick auf das Innere. Wir kommen in eine Ausstellung, für die im Museum in Ústí nad Labem 1.500 Quadratmeter vorgesehen sind, was zwanzig Klassenräumen dieser ehemaligen deutschen Knabenschule entspricht. Zur Ausstellung gehören auch die weitläufigen Schulflure.

1. Wer sind „unsere Deutschen“?
Wir kommen in einen abgedunkelten Raum. Vor uns steht ein großes Objekt in Form eines Quaders. Auf dem Objekt wird ein Film gezeigt. Ein unbekannter Mensch erzählt tschechisch mit deutschen Untertiteln über die deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder. Wenn er fertig ist, verweist er darauf, dass seine Kollegin auf der anderen Seite des Quaders noch was zu sagen hat. Wir gehen um den Quader und verändern unsere Perspektive. Der unbekannte Mensch erzählt auf Deutsch mit tschechischen Untertiteln eine etwas andere, seine Version der gleichen Geschichte. Die Projektion endet. Die dunklen Wände des Quaders verändern sich in durchsichtiges Glas. Das Objekt wird erleuchtet. In ihm sehen wir künstliches Glas, Kurbädersouvenirs, Landkarten, Bücher, Bilder. Dies sind repräsentative Spuren, die auf die deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder verweisen. Schöne Dinge, die allenfalls noch im Gedächtnis vorhanden sind, laden uns ein, weiterzugehen. Wir nehmen uns einen ausgedruckten Einführungstext. Diese Möglichkeit haben wir in allen Teilen der Ausstellung. Wir wissen nicht, was auf uns wartet, haben aber Brüche gesehen, die wir auch in den Räumen einzuordnen wissen werden.

2. Wo ist mein Heim?
Wo ist mein Heim, mein Vaterland? / Kde domov můj? Der erste Satz der tschechoslowakischen und der heutigen tschechischen Hymne führt ein in einen Raum, der der tschechischen Landschaft gewidmet ist. In ihr trafen und treffen sich Menschen beider Sprachen. In den touristisch beliebten Teilen der böhmischen Landschaft treffen wir auf Spuren der damaligen deutschsprachigen Bürger. Der Raum hat verschiedene Aussageebenen. An den Wänden hängen als Leihgabe der Nationalgalerie exzellente Gemälde der romantischen Landschaftsmalerei. Die Romantik entdeckte die bergige Landschaft, die größtenteils von deutschsprachigen Bürgern bewohnt wurde, als Schönheit. Auch tschechische Landschaftsmaler studierten oft in München und wurden durch die deutsche romantische Malerei inspiriert. Landschaft, die schön ist, konnte als touristisches Erlebnis angeboten werden. Im Raum sehen wir auf Baumstümpfen touristische Reiseführer. Der Tourismus war eine bedeutende Quelle zum Lebensunterhalt unserer Deutschen. Auf der einen Wand sehen wir die Wahrnehmung der Landschaft als Heimat, ihre Poetisierung zur Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls. Auf die Fensterfläche werden Ansichten auf die gegenwärtige Landschaft projiziert, in der wir uns direkt und indirekt ständig begegnen können.

3. Unterscheidung nach nationaler Zugehörigkeit
Zum ersten Mal treten wir in die Politik ein. Es ist das Jahr 1848. Hier steht eine große Barrikade, die aus deutsch-tschechischen Wörterbüchern gebildet wird. Auf die Barrikaden gingen beide Sprachgruppen gemeinsam für die Demokratie. Nach ein paar Wochen war aber das nationale Programm am wichtigsten. Lieder und Slogans, Flugblätter und Zeitungen führen uns auf unterschiedliche Seiten der Barrikaden. Sie locken mit der Sprache. Am Ende finden wir ein Porträt von Hans Kudlich aus dem mährischen Lobenstein. Auf seinen Vorschlag hin wurde die Leibeigenschaft für alle Bewohner der Monarchie abgeschafft. Das war das Ergebnis einer Revolution, die alle betraf. Urheber war der jüngste Abgeordnete des Reichsrats, der in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde und nach Amerika emigrierte. Er kehrte später nach Österreich zurück, hielt aber an deutschnationalen Positionen fest. Aus diesem Ausstellungsraum blicken wir in einen Gefängnisraum. Demokraten beider Sprachgruppen trafen sich in österreichischen Gefängnissen und auf Deutsch lasen sie dieselben Bücher.
Anschließend können wir entscheiden, ob wir gegen den Strom der Zeit fortschreiten werden oder ob wir ein Stockwerk höher gehen, näher zu der Welt, die wir kennen. Auf dem Wege durch das Interieur der Modelle bleiben wir im gegebenen Stockwerk und gehen gegen den Lauf der Zeit. Wir kommen in eine Zeit zurück, da die Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe keinen solchen nationalen Konflikt bedeutete, wie wir ihn aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen.

4. Die Entstehung des öffentlichen Lebens
Mit der Barrikade waren wir auf der Straße, hier sind wir in einem Biedermeiersalon. In den Salon schauen wir durch Gucklöcher. Dort bewegen sich Figuren, jemand spielt auf dem Spinett. Die Figuren unterhalten sich. Im Privaten werden Gedanken formuliert über die zukünftige Gesellschaft. Auf der Ummantelung des Salons sehen wir Bücher deutsch schreibender Autoren aus den böhmischen Ländern. Wir begegnen Bolzano und den Verfassern romantischer Gedichte aus den böhmischen Ländern. Es liegen hier die Bücher der tschechischen Erwecker, die auf Deutsch publizierten und mehrheitlich diese Sprache auch sprachen. Wir sehen Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Wir sehen, dass sich im Salon, in intimen Gesprächen, Alternativen des Zusammenlebens der mehrsprachigen Gemeinschaft formulierten. Am Ende unseres Rundgangs um den Salon hängt ein Porträt des Kanzlers Metternich, der dies alles mit seiner Polizei verfolgt.

5. Modernisierung von Amtes wegen
In der Mitte des Raumes steht ein sich streng rechtwinklig darstellendes weitläufiges Objekt, das an eine behördliche Registratur erinnert. Von seiner Höhe ragt eine Marmorstatue von Kaiser Josef II. Auf der einen Seite sehen wir die Müllersche Karte der böhmischen Länder, auf der anderen das große Bild „Josef II. pflügt die Furche“. Wir gehen rund um das Objekt in der Raummitte und bemerken die Reformen in Schulwesen, Militär, Behörden und Kartographie unter Maria Theresie und Josef II. Wir verfolgen die Zentralisierung und die Entstehung eines strikt aus Wien geführten Staates. Deutsch gewann in diesem zentralisierten Staat an Bedeutung. So sehr, dass sich diese Zeit im tschechischen historischen Bewusstsein als Zeit einer Germanisierung einprägte. Wir sehen Schulbänke und erfahren, dass die Reformen Deutsch als Unterrichtssprache auch in jüdische Schulen brachten. Wir sehen Uniformen eines neuen und bis ins Detail vorgeschriebenen Schnittes. Wir sehen Messgeräte von Kartographen und amtliche Dokumente in den beiden Sprachen der böhmischen Länder. Zum Beispiel das Verbot, die Glocken zu läuten, wenn sich ein Gewitter näherte. Aus Schubladen können wir uns mehr und mehr amtliche Erlässe ziehen und diese lesen. Sie warnen vor Epidemien, halten zu einer bestimmten Anbauweise von Kartoffeln an, regulieren das Leben von Waisen, die Totenbeschau usw. Alles vom Zentrum, in alle Winkel der Monarchie. Rationalität, Sparsamkeit, Effektivität, Universalität sind die Charakteristika des sich modernisierenden Staates.

6. Von Frömmigkeit ergriffen
Wir kommen in einen Raum, in dem schöne Barockstatuen des Heiligen Nepomuks aus der Nationalgalerie in Prag aufgestellt sind. An die Wände werden Blicke auf die böhmische Landschaft mit barocken Statuen projiziert. Wir erfahren etwas über die Rollen des Heiligen Nepomuks für beide Sprachgruppen in den böhmischen Ländern. Dies ist eine spannende Geschichte hinter schönen ruhigen Statuen. Er war der Heilige des neu eintreffenden Adels, der Eroberer, die als Erben auftraten. Er war der Heilige der tschechischen Erbauer, häufig der Kapläne, die sich auf die Sprache bezogen. Die Reliquie Nepomuks wurde erst später als Teil der Hirnhaut identifiziert. Nach dem Krieg wurde er zum Heiligen der Sudetendeutschen in Bayern und zum Schutzpatron, der auch auf Brücken über bayrischen Flüssen stand. In einer Schublade, unter Hinweis auf den Volkskult um den Heiligen Nepomuk, können wir die weiteren deutschsprachigen Heiligen aus den böhmischen Ländern Klement Maria Hofbauer und Jan Nepomuk Neumann verfolgen. Hier wird daran erinnert, dass die Nepomuk-Wallfahrt für beide Sprachgruppen etwas Gemeinsames war.

7. Im Habsburger Haus beheimatet
An den Wänden sehen wir einen Stammbaum der Habsburger, auf einer Karte die Ausdehnung des Staates, dessen Teil die böhmischen Länder waren. Inmitten des Raumes steht ein Denkmal von Marschall Radetzky. Ursprünglich konnten wir dieses auf dem Kleinseiter Platz in Prag sehen: Den Marschall mit Flagge tragen Soldaten aus verschiedenen Teilen der Monarchie. Es ist das Beispiel einer Karriere, die Bewohner aus jedem Teil des Habsburger Reiches mit der unausweichlichen Hilfe der deutschen Sprache machen konnten. In den Schubladen im Sockel der Statue können wir die Karrieren verschiedener adeliger Familien aus den böhmischen Ländern verfolgen. Wir können zum Beispiel Deutsch als Kommunikationsinstrument verfolgen, das solche Karrieren ermöglichte.

8. Wiege und Grab der böhmischen Reformation
Wir kommen in den Raum und stehen zwei zueinander geöffneten Halbellipsen gegenüber. Es sind dies die zwei Reformbewegungen, die sich gegenseitig betrachten. Das Hussitentum wird abgebildet als Gemeinschaft um den Kelch. Das Luthertum wird dargestellt als Gemeinschaft des Buches. Wir erfahren, dass im Gegensatz zu späteren nationalen Interpretationen beide Reformbewegungen beachtenswerte Überschneidungen hatten. Deutschsprachige Hussiten gab es zwischen Intellektuellen, Soldaten und auch Diplomaten. Luther entdeckte Hus als seinen Vorgänger und bekannte sich zu ihm. Aurogallus aus Chomutov (Komotau) übersetzte das Alte Testament. Mathesius, langjähriger Pfarrer aus Jáchymov (Joachimsthal), schrieb ein Lebensbild Luthers. Zwei Bücher widmete Martin Luther der Familie Schlick. Die erste Übersetzung eines deutsch geschriebenen Textes von Luther ist auf Tschechisch. Die Gemeinschaft des Buches wird in der Ausstellung und in der Ausstellungsarchitektur gezeigt durch eine einzigartige Renaissancebibliothek aus dem Besitz des Museums in Ústí nad Labem. Wir sehen ebenso Reliefs im Stile der Renaissance aus der Kirche in Krásné Březno (Schönpriesen), heute Teil von Ústí nad Labem. Die Sprache zeigt sich hier als Mittel, die in der zeitgenössischen Auffassung der Erlösung der Seele dienen sollte, denn die Heilige Schrift wurde in der Muttersprache gelesen.

9. Teil des universellen Reiches
Wir kommen in einen Raum, den ein interaktiver elektronischer Tisch beherrscht. Wir sehen den großen Herrscher – eine mehrere Meter hohe Projektion der Statue von Karl IV. von der Karlsbrücke – und drei schwarze Blenden. An der Wand hängen eine Kopie des Bildes von Meister Theodorich aus Karlštejn (Karlstein) und eine Fotografie von Václav Havel, auf der er eines der Karlsteiner Bilder betrachtet. Hinter den Blenden finden sich der „Ackermann aus Böhmen“, ein Text mit einer zeitgenössisch neuen Auffassung des Todes in wunderbarem Deutsch, und die Wenzelsbibel als erste deutsche Übersetzung der Bibel mit Bildchen der Bademädchen, was als neuer Zugang zur Nacktheit betrachtet wird. Ebenso finden sich Statuen von Petr Parléř (Peter Parler), die eine innovative Auffassung in der Darstellung von Personen darstellen. Wir sehen die Rolle der deutschen Sprache am Prager Hof und können zu den Zusammenhängen des Heiligen Römischen Reiches lesen. Der elektronische interaktive Tisch zeigt Karl IV. in breiteren europäischen Zusammenhängen und ermöglicht einige überraschende historische Vergleiche. Das Heilige Römische Reich, später mit dem Prädikat „der deutschen Nation“ versehen, wird in dem interaktiven Tisch als politisches Gebilde dargestellt, dessen Stärke und Bedeutung sich auf dem Weg durch die Jahrhunderte deutlich ändert. Die Beziehung des Deutschen und der Innovation am Prager Kaiserthron, der Weg Karl IV. durch das Gedächtnis verschiedener Zeiten, der Weg der durch ihn gegründeten Universität bleiben aber der pädagogische Tenor des Raumes.

10. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen?
Der Weg in das Land und aus dem Land heraus, der Weg zum Besseren. Die böhmischen Länder waren im 13. Jahrhundert politisch stabil und nahmen deutschsprachige Bewohner auf. Unter der Decke hängt ein Umriss der böhmischen Länder. Wir durchdringen herunterhängende Stoffstreifen, so wie damals die Grenzwälder durchdrungen werden mussten. Es öffnet sich uns ein neues Land, das verschiedene Wellen von Neuankömmlingen aufnahm und dies über Jahrhunderte. Wir sehen Zwerge, die an das Thema des Bergbaus erinnern. Wir lesen Hofgedichte auf Deutsch. Wir sehen das Modell eines deutschen Kolonisationsdorfes. Im konkreten Fall ist es das Modell eines Dorfes, das einen Niedergang erlebte. Wir sehen das Netz von Kolonisationsdörfern im Drahaner Bergland. Wir durchlaufen Jahrhunderte von Migration bis zu den Unternehmerfamilien im 19. Jahrhundert. Wir fühlen, dass der Drang zu einer besseren Zukunft eine tiefe menschliche Eigenschaft ist. Wir sehen, dass man aus dem deutschsprachigen Bereich in die böhmischen Länder kam, wo es gut ging. Es ist dies eines der Ausmaße der Nachbarschaft, die hier war und dauerhaft sein wird. Um es mit den Worten von Karel Schwarzenberg zu sagen: „die Nachbarschaft würde nur dann enden, wenn einer von uns stürbe“.
Wir gelangen ins Treppenhaus, in dem Porträts von Bewohnern von Ústí nad Labem aus den Sammlungen des städtischen Museums hängen. Es sind dies deutschsprachige Menschen, deren Nachkommen in der Stadt nicht mehr leben. Dies ist eine sehr menschliche Erinnerung an die Siedlungsdiskontinuität in einer großen Stadt.
Das obere Stockwerk der Ausstellung umfasst drei Räume, die der Politik gewidmet sind. Zwei weitere Räume sind der Industrialisierung gewidmet. Zwei Räume beschäftigen sich mit dem Nationalitätenkampf, drei Räume mit dem modernen Leben und fünf mit ausgewählten Städten.

11. politischer Raum 1848-1918/19
Wir betreten den Reichsrat in Wien. Vom Pult vorne sehen wir Porträts von Männern mit Vollbärten. Es sind dies Abgeordnete aus verschiedenen Teilen der Monarchie. Wir erfahren, woher sie sind und in welcher Wahlperiode sie als Abgeordnete wirkten. Einige Porträts zwinkern und bewegen sich ein bisschen. Das sind ausgewählte deutschsprachige Abgeordnete aus den böhmischen Ländern. Wir können uns eine Aufzeichnung ihrer Reden anhören. Vom Pult aus lässt sich symbolisch, mit der Hand des Kaisers, das gesamte Geschehen im Parlament neu starten. Es geht um eine Erinnerung daran, dass das Parlament den Status eines Beratungsorgans hatte. Auf der Rückseite des Ausstellungsfundus sehen wir, woraus das politische Leben sprudelte. Schul-, Turn-, Wandervereine, der Bund der Deutschen in Böhmen oder die Schlaraffia. An der höchsten Wand sind zwischen die Abgeordneten Hinweise auf Bereiche in Staatshand platziert: Eisenbahnwesen, Zoll, behördliche Angelegenheiten. An der abgewandten Seite der höchsten Wand des Fundus geht es um den Ersten Weltkrieg. Hier gibt es den Kontrast zwischen Propagandaprodukten, die den Sieg versprachen, und Lebensmittelkarten sowie Elendsprodukten von Kriegsgefangenen.

12. Politischer Raum 1918/19 – 1933
Zwei hoch unregelmäßige Gebilde zeigen eine Gesellschaft im Konflikt. In der Mitte ist eine Gasse. Auf der Erde sehen wir die deutschen politischen Parteien in der Tschechoslowakei. Schrittweise werden es weniger, bis nur noch die Sudetendeutsche Partei bleibt, die sich mit der NSDAP verbindet. An den Seiten sehen wir zwei politische Agitationen, die der deutschen Sozialdemokraten und die der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins. Inmitten zweier Dreiecke sprechen auf Filmsequenzen Politiker der Parteien. Wir befinden uns inmitten der politischen Konflikte der Zwischenkriegszeit. An der äußeren Seite des Dreiecks verfolgen wir das Leben der deutschsprachigen Minderheit in der Zwischenkriegszeit: die Pläne zur Entstehung der Tschechoslowakei und ihre Ablehnung durch einen großen Teil der deutschsprachigen Bewohner, den Versuch zur Gründung von Deutschböhmen und dessen Anschluss an Österreich, die niedergeschlagenen Demonstrationen am 4. März 1919 und ihre zahlreichen Opfer in Kadaň (Kaaden), das Porträt des Präsidenten Masaryk, den viele unserer Deutschen schätzten. Wir sehen ebenso die deutschsprachigen Minister in den Regierung der Zwischenkriegsrepublik, das Vereins- und Hochschulleben und die antifaschistische Emigration in die Tschechoslowakei. Es folgt die Gründung der Sudetendeutschen Heimatfront 1933 als Kehrtwende im Zusammenleben der beiden Sprachgruppen. Die schrittweise Eskalation der Konflikte und Gewalttaten in den Jahren 1933-1938 ist ein weiterer wichtiger Schritt, der vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen auf die deutschsprachigen Bereiche der böhmischen Länder gezeigt wird. Wir sehen Fotografien, Plakate, kleine Produkte, Bilder, zweisprachige Ortsschilder, Karten, Menschen auf Versammlungen in Uniformen. Wir sehen die Hoffnung, die sich nur einigen erfüllte, und wir fühlen, wie die Gewalt in dieser Gesellschaft im Konflikt zunahm.

13. Politischer Raum 1933/38-1945/47
Die Architektur unterteilt den Raum in drei Teile. Es ist die geteilte Gesellschaft. Der jüdische, der tschechische und der deutsche Weg überlagern sich nicht mehr gegenseitig. Die nationalsozialistische Ideologie stellte eine Mauer zwischen sie. Wir sehen Fotografien brennender Synagogen, da es auch im Sudetenland zur Kristallnacht kam. Wir lesen Ausschnitte aus den Nürnberger Gesetzen. Wir sehen die Fotografien von jüdischen Familien, denen es gelang, zu emigrieren. Wir sehen Zeichnungen aus Theresienstadt. Am Ende des jüdischen Weges steht eine Wand aus Perlen. Schwarze für diejenigen, die ermordet wurden, goldene für diejenigen, die überlebten. Der tschechische Weg hat auf der einen Seite Protektoratskundmachungen, einschließlich öffentlich plakatierter Listen von Hingerichteten und Erklärungen der Regierung Bienert zur Kollaboration. Weiter sehen wir die amerikanische Zeitschrift Life über die Räumung des tschechoslowakischen Grenzgebiets und Fotografien vom Totaleinsatz. Tschechen sollten zu Arbeitskräften für das Reich degradiert werden. Bilder auf Briefmarken und Geld des Protektorats sind Beispiele eines kulturellen Rahmens, den sich die Okkupanten im Protektorat vorstellten. Wir lesen Auszüge aus der Rede Heydrichs über die endgültige Lösung der tschechischen Frage. Wir sehen die Taten des tschechischen Widerstands, das Attentat auf Heydrich und die Liquidierung des Dorfes Lidice. Der tschechische Weg endet mit einer Bildallegorie des Sieges über die Deutschen aus der Nachkriegszeit, bei der auch der Weg zum Sozialismus angedeutet wird. Der deutsche Weg zeigt die manipulierten Ergänzungswahlen in den Reichstag nach der Abtrennung der tschechoslowakischen Grenzgebiete. Es waren dies die ersten unfreien Wahlen, die die deutschsprachigen Bürger der Tschechoslowakei erlebten. Ihnen war flächenmäßig die Staatsbürgerschaft des Reiches zuerkannt worden. Der Prozess der Gleichschaltung und der Prozess einer Durchdringung der nationalsozialistischen Ideologie in die einzelnen Gesellschaftsschichten wird gezeigt. Hiervon zeugen eine Bluse der nationalsozialistischen Frauenorganisation, ein Mutterkreuz, ein Aufnäher der Hitlerjugend und eine Zigarrenschachtel mit einem Zitat von Adolf Hitler. Ein gesonderter Bereich thematisiert den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Emigration. Wir sehen Erinnerungsgegenstände für Gefallene. Der deutsche Weg ist der einzige, aus dem es einen Weg hinaus in die weiteren Teile der Ausstellung gibt. Wir betreten einen schmalen Bereich, der der Zwangsaussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei gewidmet ist. Wir stellen fest, dass derjenige für einen Deutschen gehalten wird, der vor dem Krieg bei der Volkszählung die deutsche Nationalität aufgeschrieben hat. Wir sehen die Wischauer Tracht, in der die Wischauer in die Züge stiegen. Wir sehen Koffer und Kisten. Wir sehen Plakate mit der Aufforderung, sich auf einem bestimmten Platz zu sammeln. Wir sehen ein Schlüsselbund und eine Aufstellung von Wohnungsinventar. In Schubladen können wir die Dekrete des Präsidenten der Republik Beneš über den Abschub der deutschen Bevölkerung lesen. An verborgenen Plätzen kann der Besucher zwei Funde entdecken. Auf dem Dachboden eines Hauses in Děčín (Tetschen) wurden Dinge gefunden – Seife, Ausstattung einer Fotokammer, Pfeife, Tabak, warme Unterwäsche. Sie können auf den Boden schauen und nachdenken, was Sie verstecken würden, wenn Sie weggehen müssten und hoffen würden, zurückzukommen. Von unter der Treppe kann eine komplette Ausrüstung für eine Uhrenwerkstatt aus der Nachkriegszeit herausgezogen werden, die versteckt unter einem Fußboden gefunden wurde.
Wir kommen weiter in einen kleinen Raum, wo von der Decke Texte mit unterschiedlichen Interpretationen zur Zwangsaussiedlung hängen. Die Ausstellung endet hier nicht. Wir gelangen in Räume, die den Reichtum und verschiedene Aspekte des gemeinsamen Lebens vor der Katastrophe zeigen.

14. Die Ära des Unternehmertums: Über alle Grenzen hinweg – Industrialisierung, erster Einblick
Wir kommen in einen Raum mit vielen Tischen. Es sind Originaltische aus deutschen Fabriken des böhmischen Grenzgebiets. Wir sehen Bilder, Aufschriften, Produkte, Reklame, eine Grafik zur Kinderarbeit. Treten wir näher, sehen wir Hinweise auf die Heimarbeit – Textilien, Kunstblumen, Glasknöpfe. Ebenso finden wir die Produkte kleiner Fabriken – Metallknöpfe, Reißverschlüsse, Schnallen, Glasschleiferei, Modeschmuckherstellung, Musikinstrumentenfertigung. Wir schnuppern an den einzelnen Phasen der Seifeherstellung und sehen Steingefäße für Schwefelsäure, können zudem Glasperlen ausprobieren und sehen den Reichtum der Fertigung und ihre soziale Dimension. Wir sehen die vielfältige Ausprägung der Herstellung, die sich in Folge dessen entwickelte, dass die Kleinlandwirtschaft und eine Ziege im Stall die Familie nicht ernährt. Wir sehen den Aufstieg, der aus der Not hervorging und der nur einigen gelang. Die deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder lernen wir als Protagonisten des Herstellungs- und Exporterfolgs kennen, vergleichbar vielleicht mit den Frühphasen von Hongkong und Singapur. Wir sehen die Entstehung des Industriedorfs als Besonderheit des böhmischen Grenzgebiets, in dem es die Bedingungen für eine Konzentration der Herstellung nach dem Vorbild des Rheinlands nicht gab. Eine Konzentration gelang in Ostrava (Ostrau), ferner dann in Prag, Kladno und Pilsen.

15. Industrialisierung – Quelle großen Reichtums
Wir treten in einen Raum, dessen Dominante eine Drehscheibe ist. Sie wird durch einen Hebel bewegt. Uns bietet sich abwechselnd ein Blick auf eine Spinnmaschine, auf einen Tresor, auf Geld, Aktien, Mannesmannröhren, Fotografien der Hütte in Vítkovice (Witkowitz), auf Waggons der Ringhoffer-Werke und auf Tatra-Fahrzeuge.
An der Wand wird eine Sicht auf die Deutschböhmische Ausstellung, eine Wirtschaftsschau in Liberec (Reichenberg) 1906, und auf vergleichbare repräsentative Veranstaltungen geboten. Wir streifen Reichtum und wirtschaftlichen Erfolg, die in den böhmischen Ländern zu einem bedeutenden Teil von deutschsprachigen Unternehmern begonnen wurden. Auf allen sozialen Ebenen profitierten von diesen auch tschechischsprachige Bewohner.

16. Volkstumskampf auf dem Vormarsch – der Sudetendeutsche
Wir kommen in einen Raum, den eine hohe durchsichtige Konstruktion auf einem dreieckigen Grundriss dominiert. Die drei Wände haben jeweils eine eigene Aussage und zeigen die Entwicklungsphasen der politischen Gemeinschaft in einer bestimmten geschichtlichen Epoche. Sie zeigen, dass die Sudetendeutschen sehr schnell Entwicklungsphasen durchschritten, die wahrscheinlich alle national definierten Gemeinschaften betreffen. Wir sehen Fotografien eines Bergmassivs und ein Eberfell. Wir sehen, dass das Wort „Sudeten“ vor der politischen Konnotation die Bezeichnung eines Bergmassivs war. Das Eberfell erinnert an die Bedeutung des Wortes „Sudeten“ – Wald der Wildschweine. Wir sehen ein Porträt von Franz Jesser, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann, erfolgreich das Wort „Sudetendeutscher“ als Dachidentität für alle Deutschen in den böhmischen Ländern zu benutzen. In Sinne hatte er ein Äquivalent zu den Bezeichnungen Karpaten- oder Alpendeutsche. Auf einer weiteren, der zweiten Wand folgen wir der steilen Karriere des Wortes „sudetendeutsch“. Wir sehen die Gründung der Sudetendeutschen Partei, die Karte des Reichsgaues Sudetenland, lernen den Begriff „Sudetendeutschtum“ kennen, seinen Verfechter Josef Pfitzner und betrachten eine Reihe von Institutionen mit dem Wort „sudetendeutsch“ in der Bezeichnung. Auf der dritten und letzten Wand sehen wir das sudetendeutsche Abzeichen und die Flagge. Beide entstanden erst nach 1945. Wir sehen eine Menge von Büchern mit dem Wort „sudetendeutsch“ auf dem Deckel. Wir verstehen, dass deutschsprachige Bewohner der böhmischen Länder und Sudetendeutschen nicht das Gleiche sind. Das Sudetendeutschtum ist eine der möglichen politischen Identitäten.

17. Volkstumskampf auf dem Vormarsch – Regionalismus
Wir befinden uns in einem Raum, in dem wir die Vielfalt der regionalen Kultur der Erzgebirgler, der Egerländer, der Böhmerwäldler, der Kuhländler, der Wischauer und vieler weiterer kennen lernen. Wir sehen Trachten, Dialekte, Bräuche, lokale Künstler. Wir öffnen einen Schrank mit Trachten und sehen Egerländer Bauernschmuck (wir wollen adelig wirken), einen Intarsienschrank von einem Bauernhof in Rožmberk (Rosenberg) (wir bewegen uns zum städtischen Biedermeier) und bewundern Krippenfiguren (die aus Králík/Grulich wurden auch in Brasilien verkauft). Wir lernen einen Priester namens Hockewanzel kennen, eine Bezeichnung, die eine Sehnsucht nach Volkstümlichkeit und bodenständigem Witz für die Zeit zum Ausdruck bringt, da die ländliche Gesellschaft durch die Industrie aufgeschreckt wurde. Im Unterschied zu vielen anderen Museen begeben wir uns nicht in die traditionelle Stube. Es ragt die Vielfältigkeit der Regionen empor. Wir sehen die Geschichte der Egerländer Spange. Die Erneuerung der Tracht machte sie zu einem symbolischen Gegenstand. Die Zeit des Nationalsozialismus platzierte ein Hakenkreuz in die Mitte der „traditionellen“ Spange. Zu erfreuen vermögen die Texte von Wallfahrtsliedern aus Příbram. Dasselbe Bildchen wird einmal von einem deutschen, einmal von einem tschechischen Text flankiert.

18., 19., 20. Modernes Leben – erfüllte Hoffnungen, zerschlagene Hoffnungen
Nach und nach durchschreiten wir fünf Städte, die in einer symbolischen Kürze verbildlicht werden.
Loket (Elbogen) – eine Kleinstadt, die von der Nähe zu Karlovy Vary (Karlsbad) und einer malerischen Burg profitierte. Wir treten in eine Gaststätte und erfahren, dass sich das Vereinsleben und die Politik gerade in der Gaststätte abspielten. Wir verfolgen, wie sich die Stadt darstellt, selbst reflektiert und anbietet: Postkarten, Schuljahrbücher, Vereinsberichte, Kaiserbesuch, Initiative zur Errichtung eines Kriegerdenkmals, Stadtpanorama auf der Verpackung des örtlichen Lebkuchens, rückwärtige Betrachtungen auf die auf ihre Vergangenheit stolze Stadt, erstes Buch der Geschichte der Stadt Loket (Elbogen). Wir begreifen, dass die Gaststätte in der modernen Zeit ein wichtiger Ort des Geschehens war. Unter anderem wurden hier demokratische Entscheidungen vorgenommen und gemeinsame Pläne in Angriff genommen. Ein Schild belehrt uns, dass es verboten ist, auf den Fußboden zu spucken, Personen unter 16 Jahren harten Alkohol auszuschenken, Glücksspiele zu spielen und Waren zum Kauf anzubieten.
Brünn – wir sehen ein funktionalistisches Interieur. Wir sind eher inmitten eines Plans oder eines Architektenentwurfs als in einem wahrhaftigen Raum. In der Mitte steht ein Tisch mit Stühlen – Material sind gebogene verchromte Stangen. Auf dem Tisch sehen wir einen Projektionsapparat, der Szenen aus dem Brünn der Zwischenkriegszeit zeigt. Die mährische Metropole, eine Stadt mit Bauten in Pseudostilen, schaut nach Wien und ist eine Stadt mit der progressiven Architektur des Funktionalismus. Sie ist eine sich dynamisch entwickelnde Stadt mit der berühmten Brünner Technik und der vielfältigen Kultur der deutschsprachigen Bevölkerung.
Opava (Troppau) – wir kommen in das Interieur eines Museums. Der Direktor Edmund Wilhelm Braun (1870-1957) erwirbt bei Auktionen in ganz Europa Gegenstände, baut eine exzellente Sammlung als Inspiration zur Herstellung auf und erschafft ein Museum als Ort zur Repräsentation der Bürgerlichkeit. Wie uns in der Gaststätte klar geworden ist, ging es hier nicht allein um den Genuss von Getränken. Hier begreifen wir die zeitgenössische Funktion des Museums als eines Ortes, an dem das Wissen und das Selbstvertrauen des Bürgertums unterstützt wurden. In den Vitrinen sehen wir nicht nur Sammlungsgegenstände. Wir sehen auch das Leben in der Stadt Opava, der schlesischen Metropole, einschließlich der Weltmeisterschaft im Eiskunst- und im Eisschnelllaufen. Bewundern können wir auch die gewagte Konstruktion des Kaufhauses Breda.
Liberec (Reichenberg) – inoffizielle Hauptstadt der Deutschen in den böhmischen Ländern und eine Stadt mit repräsentativen Bauten im Sezessionsstil. Wir kennen den Bau des Rathauses, vor dem ein Brunnen von Franz Metzner stand. Wir kommen in ein Hotelzimmer im Sezessionsstil. Vom Fenster aus sehen wir das Rathaus, den Brunnen, den Platz, wo die Straßenbahn lang fährt. Wir sehen auch zum Berg Ještěd (Jeschken), wo es eine bekannte Rodelbahn gibt, Ski gelaufen wird und man überhaupt im Geist des Reichtums lebt, den unter anderem die Textilindustrie der Unternehmerfamilie Liebig in die Stadt brachte.
Prag – wir treten in ein Cafe. Wir können uns auf Stühle der Firma Thonet setzen, die Zeitungen Bohemia, Prager Tagblatt lesen und in den Büchern der deutsch schreibenden Autoren Prags schmökern. Die Prager deutsch geschriebene Literatur ist Thema dieses Raumes. Wir sehen persönliche Dinge von Egon Erwin Kisch, Erinnerungen an weitere Autoren, nicht nur an Franz Kafka. Der Raum hat ein besonderes, unwirkliches Aussehen. Möbel und Wände sind eingestimmt in die Farbe einer Tintenfischfotografie. Wir befinden uns inmitten eines Kulturraumes, der durch die deutsche Sprache Eingang in die Weltliteratur gefunden hat.

Zum Schluss der Ausstellung sehen wir eine große Wand mit Bildern aus der ehemaligen deutschen Abteilung der Nationalgalerie in Prag. Die sehr qualitativen Werke moderner Kunst sind eine Schau des damaligen kulturellen Dialogs von Kunstschaffenden. Es soll der Eindruck entstehen, dass es in Formen des modernen Lebens mit einem Nachdruck auf Reflexion, Freiheit und Demokratie ein Potenzial dafür gab, um trotz aller Katastrophen im Zusammenleben in Europa fortzufahren.
Wir kommen auf den Flur. Wir lernen die Erinnerungskultur der Sudetendeutschen, die Schritte der Annäherung und der Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen. Wir sehen eine Fotografie der Unterschrift unter der Deutsch-Tschechischen Erklärung aus dem Jahr 1997. Am Ende kommen wir auf einen Aussichtsturm. Wir schauen in Ferngläser und sehen durch sie die böhmische Landschaft.
Der Abschlusstext informiert uns, dass die deutschsprachigen Bewohner Aussichtstürme zur Unterstützung des Tourismus bauten. Diese Türme erfreuen sich noch heute einer großen Beliebtheit. Nach 1947 wurden an der Grenze zwischen der Tschechoslowakei sowie Österreich und Deutschland einige Aussichtstürme gebaut, von denen man in die ehemalige Heimat blicken konnte. Heute haben wir die Möglichkeit, mit einem gewissen Abstand wie von einem Aussichtsturm in die deutsch-tschechische Geschichte zu schauen. Die alten Kämpfe müssen wir nicht aufs Neue auskämpfen. Dank einer solchen Draufsicht können wir Wege sehen, die uns am weitesten führen. Nachbarschaft als Aufgabe bleibt bestehen. Die Geschichte brachte uns sehr inspirierende Punkte und wenn uns diese durch die Ausstellung vor Augen geführt werden, hat sie ihren Zweck erfüllt.